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AOL möchte Yahoo! übernehmen?

Das Wall Street Journal berichtet, dass AOL Yahoo übernehmen möchte. Das ist deswegen überraschend, weil AOL schon seit Längerem nichts mehr ist, als ein leeres Unternehmenskonstrukt, ohne nennenswerte Portale, Produkte oder Innovationen.

Dabei hätte es ganz anders kommen können. AOL, damals noch America Online, hatte sehr früh den Amerikanern, später auch den Europäern, eine einfache Möglichkeit bereitgestellt, ins Internet zu kommen. 1995 war es noch sehr kompliziert, mittels eines Modems eine Verbindung zu einem Internetprovider herzustellen. AOL vereinfachte dies durch eine eigene Zugangssoftware ungemein. Zudem stellte AOL den Webzugang oft sehr viel günstiger zur Verfügung, als normale Internet-Serviceanbieter. Bis zu ca. 26 Millionen Kunden gingen zu Hochzeiten in Deutschland über AOL ins Internet.

Die Zugangssoftware stellte AOL-eigene Dienste zur Verfügung, z. B. eigene Chatforen, Communities, Nachrichten und Themenwelten, aber eben auch den Zugriff auf das WWW, das damals noch in den Kinderschuhen steckte. Wie diese Zugangssoftware unter Windows 3.11 aussah, kann noch in diesem America Online-Werbespot von 1995 bestaunt werden. Die  “Welcome”- und “You’ve got mail“-Sprachsamples sind legendär und wurden nicht erst durch “e-m@il für Dich” (ja, der Filmtitel wurde wirklich so geschrieben) mit Tom Hanks und Meg Ryan berühmt. Dienste die wir heute für selbstverständlich halten und als eine Erfinderung der letzten Jahre betrachten, hatte AOL in einer ähnlichen Variante schon früher entwickelt.

Allerdings wurden die AOL-eigenen Dienste innerhalb ihrer Software mit dem stetigen Wachstums des Internets immer weniger wichtig. Die Konkurrenz verstand es Nachrichten, Foren oder Communities anders und besser umzusetzen. Anstatt Innovationen zu forcieren und innerhalb des WWW neue Portale zu entwickeln, beschränkte sich AOL darauf ihr Marketing auszubauen und aggressive Kampagnen umzusetzen. In deren Folge wurden Unmengen an CDs mit der AOL-Zugangssoftware versendet oder als Beileger zu Zeitschriften hinzugefügt. Dazu passende Einstiegsangebote (bis zu 50 Stunden Internet kostenlos) sollte sinkende Marktanteile kompensieren. Zu der Zeit waren Internetangebote zeitabhängig und wurden pro Stunde bezahlt. Es wurden so viele CDs verschickt, dass es 2002, 2003 Kampagnen, wie z. B. “No more AOL CDs” gab, um die wachsende CD-Flut zu kritisieren.

All diese Bemühungen halfen nichts. Mit dem Aufkommen von konkurrenzfähigen Angeboten von Internetprovidern, allen voran der deutschen Telekom, und wachsender Konkurrenz bei den Serviceangeboten sank die Kundenzahl von AOL rapide. 2007 verkaufte AOL das Geschäft mit Internetzugängen und wollte sich auf Portale und andere Dienste konzentrieren. Letztes Jahr wurde ein Drittel der Belegschaft entlassen um die Kosten zu senken.

Wozu dieser kleine Ausflug in die Geschichte von AOL. Die Marktkapitalisierung von AOL beträgt im Moment 2.68 Mrd. Dollar. Wohingegen Yahoo! einen Marktwert von 20.56 Mrd. Dollar aufweisen kann. Yahoo ist nachwievor einer der ganz großen Serviceanbieter im Internet und war schon damals einer der Konkurrenten von AOL, die Internetdienste und Portale einfach besser umsetzte. Auch wenn Yahoo nie Internetzugänge verkauft hatte, überholte Yahoo schnell AOL bei der Benutzerzahl und dem Umsatz. Großgeworden ist Yahoo mit der eigenen Suchmaschine und war eine der führenden Suchmaschinenanbieter vor der Ära Google. Mit den Yahoo Portalen, Flickr und del.icio.us gehört Yahoo zu den reichweitenstärksten Unternehmen im Internet.

AOL möchte Yahoo mit der Hilfe einiger Finanzinvestoren feindlich übernehmen. Und das wäre schade um Yahoo. Das Unternehmen hat zwar mit Problemen in der Führung und einigen missglückten Firmenübernahmen in den letzten Jahren zu kämpfen, aber mit dem Zerschlagen von Yahoo, was im Falle einer feindlichen Übernahme passieren würde, würde auch eine lange und erfolgreiche Internetgeschichte zu Ende gehen. Und das durch den Kauf von einem Unternehmen, das selbst kurz vor dem Abgrund steht.

Happy Birthday, WWW!

Auch von hier aus noch alles Gute an das Internet! Seit 15 Jahren (um genau zu sein ab dem 30. April 1993) ist das Internet nach einer Entwicklungs- und Testphase für die Öffentlichkeit verfügbar. Es hat seitdem unsere Lebensgewohnheiten revolutioniert und sich von einer reinen Informationsplattform in ein Netzwerk zum Austausch von Ideen entwickelt. Bereits jeder fünfte Mensch ist online – in Deutschland sogar fast zwei von dreien. In diesem Sinne: Frohes Surfen weiterhin!